Dienstag, 23. November 2010

Kampf der Zeit

Wir erleben eine Zeit der Technologisierung und Digitalisierung. Wozu?

Um mehr Zeit zu haben. Um mehr Zeit für uns, Freunde, Familie zu haben. Um mehr Zeit für Hobbies, Sport, Action zu haben. Um mehr Zeit für's Chillen, Leben geniessen, Nichtstun zu haben.
Wir arbeiten auch länger, um später mehr Zeit zu haben. Mehr Zeit für Weihnachtseinkäufe, Kaffeekränze, Liebeleien zu haben. Mehr Zeit um Games zu spielen, Serien zu schauen oder Spiele zu spielen. Um mehr Zeit bei der Arbeit zu haben, wenn wir per Handy die Emails bereits unterwegs beantworten. Wir haben mehr Zeit bei der Arbeit, um dann mehr Arbeit erledigen zu können. Wir versuchen weniger Stress zu haben und bereiten uns auf den kommenden Tag vor, um dann mehr Zeit zu haben. Am nächsten Tag überlegen wir uns einen Plan für die Woche, um in der Woche mehr Zeit zu haben. Wir haben dann mehr Zeit, um uns Gedanken zu machen, was mit der gewonnen Zeit anzufangen sei. Wir machen Pläne, um die Pläne umzusetzen, um so viel wie möglich umzusetzen, in der wenigen Zeit, die wir haben. Wir wollen, in diesem kurzen Leben, in der die Zeit so kostbar ist, so viel erleben, so viel erlebt haben, so viel einmal erleben und gleichzeitig so angenehm, gemütlich, glücklich und der Zeit gemäss leben, dass wir die Zeit ignorieren.
Du schlechte, böse Zeit!
Ich kümmere mich nicht um die Zeit. Die Zeit hat mir nachzulaufen, mir nachzutrauern und sich auf mich zu freuen. Die Zeit ignoriere ich. Ich will, dass sich die Zeit mir unterstellt. Warum? Damit ich mehr Zeit habe. Damit ich mehr Zeit habe, um es der Zeit heimzuzahlen, zurückzuzahlen und der Zeit eins ins Gesicht zu schlagen.
Die Zeit kann mir in die Schuhe pusten. Ich will mich befreien von der Zeit, aus dem Käfig der Zeit ausbrechen und frei sein. Ich will freie Zeit mit Freizeit kombinieren und in der Freizeit die freie Zeit geniessen und freie Dinge machen, für die ich keine Zeit brauche, aber dafür Zeit habe. Ich will die Zeit vor und zurückdrehen, mich umsehen, nicht umher gehen ohne die Zeit zu verstehen. Die Zeit soll mich verehren, weil ich ihr verschrieben bin, und trotzdem ich hier das Sagen habe. Oder was sagst du, elende Zeit? Tick Tack Tick Tack! Bla bla bla! Die Zeit verstreicht und ich höre nichts. Sie sagt nichts, sie tut, was sie kann, ja was sie am besten kann. Verinnen, gehen, mich ärgern, foppen, plagen. Ich will sie würgen, doch die Zeit geht nichts zu Grunde. Ich kann sie nicht beerdigen, ich kann sie nicht aufhalten. Sie vergeht einfach. Ohne Tschüss, Hoi, Salü, Adé zu sagen.
Ich werde untergehen, denn die Zeit wird länger existieren als ich. Aber, ich kann mich ihr nicht beugen. Ich will sie vergeuden. Nichtstun, Faulsein, Leblos dahin vegetieren, sie verschwenden und einfach loslassen. Doch das wär kein Sieg, sondern Resignation. Ich resigniere bestimmt nicht, nur weil die Zeit länger existiert. Nur weil es sie schon gab, bevor es mich gab und sie auch da war als ich da war und sie auch weiterhin existieren wird, wenn ich nicht mehr da bin. Ich werde es ihr schon zeigen, dieser blöden Zeit. Ich werde einfach länger leben, mich gesünder ernähren und sportlich leben. Ich werde mich trainieren, wenig zu atmen, mich in Extremsituationen wohl zu fühlen und Schmerz zu zelebrieren. Denn auch wenn ich eines Tages näher dem Tod bin als heute, ich werde glücklicher sein, als die Zeit. Ich werde sinnvoller meine Zeit verbracht haben als die Zeit es tat. Ich werde sterben können und sagen: Ich habe dich gekannt und besiegt. Denn ich hatte dich im Schwitzkasten, du elendige Zeit!

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